Polina Barskaya –
Paintings

by Klara Niemann

The subject of Polina Barskaya’s paintings is both simple and incredibly complex: everyday domestic life. It is a subject that allows space for all the nuances of emotional life, for the highs and lows of interpersonal encounters and perhaps for the most authentic version of the self. Barskaya’s paintings can be seen as a kind of personal documentation of her inner life, where a range of interiors become the backdrops to her self-portraits. She uses these to share intimate moments of melancholy, idleness or self-reflection, stripped bare – always emotionally and sometimes physically. This surrender to vulnerability in her self-portraits results in a remarkable expression of strength. The intimacy of the moments she portrays is also reflected in the way they are viewed: the relatively small formats invite outsiders to get up close to the canvas where Barskaya’s portraits confront their viewers with an unblinking, confident gaze. It’s almost as if you were looking in an open diary that has been purposefully left open on a table.

Figures, furniture and background blend decoratively together on the small canvases – an effect created by the apparent convergence of the qualities of her materials, and the slight distortions of space and perspective. The many and changing settings, the product of many travels, are given particular attention. New shapes and patterns emerge time and again, and location- and seasonspecific lighting gives the scenery varying atmospheric impact, which in turn affects the mood of the image. This creates a close relationship between indoors and outdoors, which gestures towards the complex emotional interdependence between humanity and its environment. Barskaya captures these impressions in a photo before she translates them into paintings. Overlaying the photo with her memory, she brings an authenticity and expressivity to the mood of her paintings. It is precisely the everyday moments associated with a certain silence or a personal ritual that she deems worthy of portrayal. These are, after all, the moments when we lose ourselves in thought and experience intimate moments of loneliness or togetherness, such as the physical warmth of being close to someone, the feeling of distance after an unresolved argument or looking at ourselves after a long bath. Barskaya even presents a selfie in the mirror as an everyday experience that can represent a moment of alienation from, and discovery of, the self.

Observation of change and physical transformation through Barskaya’s pregnancy are also themes of her current work. The private, everyday, domestic background against which this imagery unfolds gives the pregnant artist’s self-portraits a kind of intimacy that is otherwise rarely found in art. Perhaps the only other artist to undertake a similar self-examination when pregnant was German expressionist Paula Modersohn-Becker – an artist greatly admired by Barskaya – who painted her Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag (Self-Portrait on the Sixth Wedding Day) in 1906. Barskaya consciously permits such influences by, for example, conceiving of museum visits as transformative experiences from which she derives new gestures or compositional shifts for her own work. Thus, alongside the relationship within an image between the inner and the outer, between setting and atmosphere, Barskaya’s artistic work and practice is also influenced by her environment, and her paintings are in a state of continuous evolution, as is the artist herself.

Das Thema des alltäglichen häuslichen Lebens, das Polina Barskaya für ihre Malereien wählt, ist ein ebenso einfaches wie vielseitig komplexes. Denn es bietet Raum für alle Nuancen des Gefühlslebens, für Hochs und Tiefs zwischenmenschlicher Begegnungen und vielleicht für die authentischste Form des Selbst. Barskayas Gemälde lassen sich in diesem Sinne als persönliche Dokumentationen ihres Innenlebens verstehen, bei denen verschiedene Interieurs zu den Schauplätzen ihrer Selbstporträts werden. Sie teilt darin intime Momente der Melancholie oder des Müßiggangs sowie der Selbstreflexion, zeigt sich manchmal körperlich – aber immer emotional – entkleidet. Sich in ihren Selbstporträts dieser Verletzbarkeit hinzugeben, gibt ihr darin einen bemerkenswerten Ausdruck von Stärke. Die Intimität der gezeigten Momente spiegelt sich auch im Modus der Betrachtung wider. Denn die relativ kleinen Bildformate laden Außenstehende dazu ein, ganz nah an die Leinwände heranzutreten, woraufhin Barskayas Bildnisse ihren Betrachter*innen mit unverwandtem, selbstbewusstem Blick begegnen. Beinahe ist es, als sähe man in ein geöffnetes Tagebuch, das bewusst auf einem Tisch liegen gelassen wurde.

Auf den kleinen Malgründen verschwimmen Figuren, Mobiliar und Hintergrund ornamenthaft miteinander. Ein Effekt, der sich daraus ergibt, dass sich die Stofflichkeiten in ihrer Qualität darauf anzugleichen scheinen und Raum und Perspektive leicht vornüberkippen. Dabei erhalten die durch viele Reisen bedingten, wechselnden Settings besondere Aufmerksamkeit. Immer wieder tauchen neue Umrisse und Muster auf oder die orts- und jahreszeitenspezifischen Lichtverhältnisse verleihen der Szenerie unterschiedliche atmosphärische Wirkungen, die sich wiederum auf die Stimmung im Bild ausweiten. Dadurch entsteht ein enges Verhältnis zwischen innen und außen, das die vielschichtige, emotionale Verwicklung des Menschen mit seiner Umgebung anzudeuten vermag. Solche Eindrücke hält Barskaya zunächst mit der Kamera fest, bevor sie sie in Malerei übersetzt. Indem sie das fotografische Vorbild dabei mit ihrer Erinnerung verblendet, gewinnt die Stimmung in den Gemälden an Authentizität und Ausdruckskraft. Bildwürdig scheinen dabei gerade die alltäglichen Momente zu werden, die mit einer gewissen Stille einhergehen oder ein persönliches Ritual darstellen. Schließlich sind es solche Augenblicke, die dazu einladen, in Gedanken zu versinken und intime Momente der Einsamkeit oder Zweisamkeit zu erleben, wie die Wärme menschlicher, körperlicher Nähe, das Gefühl von Distanz nach einem unbeendeten Streit oder die Selbstbetrachtung nach einem ausführlichen Bad. Auch das Selfie im Spiegel thematisiert Barskaya auf diese Weise als Alltagserfahrung, die einen Augenblick der Selbstentfremdung und Selbstfindung darstellen kann.

In den aktuellen Arbeiten wird durch Barskayas Schwangerschaft zudem die Bobachtung des Wandels und die körperliche Veränderung zum Thema. Der private, alltägliche, häusliche Rahmen, in dem sich die Bildwelten entspinnen, lässt die Selbstporträts der schwangeren Künstlerin hierbei in einer Intimität erstrahlen, die sich in der Kunst sonst selten repräsentiert findet. Vielleicht nimmt lediglich die deutsche Expressionistin Paula Modersohn-Becker 1906 in ihrem „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ eine ähnliche Selbstbetrachtung als Schwangere in der Malerei ein – eine Künstlerin, die Barskaya sehr bewundert. Derlei Einflüsse lässt sie ganz bewusst zu, indem sie beispielsweise Museumsbesuche als sie verändernde Erfahrungen wahrnimmt, aus denen sie neue Gesten oder kompositorische Verschiebungen für die eigene Malerei mitnimmt. So fließt neben dem innerbildlichen Verhältnis von außen und innen, Umgebung und Stimmung, auch in Barskayas künstlerischer Praxis ihre Umwelt in ihre Bilder ein, die sich gemeinsam mit ihr in beständiger Entwicklung befinden.