Serge Attukwei Clottey – Sensitive Balance

by Marie Meyerding

Expressive colours, large formats, abstract forms and a confrontation with the latest crises in the globalised world characterise Serge Attukwei Clottey’s artistic practice. His second solo exhibition in Berlin shows drawings and wall works, focusing on pressing social, political and environmental issues that are taking place on a local level in Accra and are yet inextricably linked to migration and extensive commodity trading worldwide.

Clottey is one of many contemporary artists coming from the periphery of the art center but working and exhibiting internationally. Nonetheless, to understand his artistic practice the following assertion of Okwui Enwezor is of pivotal significance: ‘I think it is important that we hold on to things that are specific to the subjectivity of the artist and to locations of practice that cannot be simply erased by the idealism of a global art scene that has no boundaries.’ Using yellow plastic gallons—in Ghana also known as ‘Kufuor gallons’, named after former President John Agyekum Kufuor who had water distributed in these containers during a serious drought in the early 2000s—as his artistic medium, Clottey is not the only artist working with found material potentially contributing to plastic pollution and linked to water scarcity. The well-known Ghanaian artist El Anatsui uses pressed bottle caps for his large-scale installations. Though both practices deal with different topics, they affirm the status of plastic as an important artistic medium that—just as in all other parts of human life—has come to stay. Whilst provoking reflections about consumption patterns, the beautifully composed wall installations made up of plastic pieces and copper wire invite for a detailed study of the assemblages that reference their origin through odd stickers and paintings. With the extended lifecycle of his objets trouvés, Clottey’s artworks are transformed into cultural archives, following Griselda Pollock’s reminder that ‘Archives matter. What is included shapes forever what we think we were and hence what we might become.’

Clottey’s charcoal drawings re-appropriate the use of African masks from the colonial Western artistic practices of the twentieth century, most prominent in Pablo Picasso’s African Period, by assigning the traditional African mask to its contemporary context through replacing the carved wooden specimen with the top of plastic containers. Inspired by the Spanish painter, Clottey started to draw large-scale abstract figures which often appear in front of dooming black backgrounds made of rough strokes. In his drawings as well as in many of his performances, the human figure takes central stage and modes of gender representation are negotiated. Similar to Les Demoiselles d’Avignon, Clottey’s Femme vibes (2019) portrays naked women wearing African masks, but while Picasso’s figures co-exist independently of each other, Clottey’s female appearances are intertwined by touching arms and bodies. Picasso slightly indicates the figure’s chests and paints some of the figures’ faces, whereas Clottey draws voluptuous breasts and the figures’ heads are hidden behind yellow plastic masks with over-accentuated red mouths, referencing their sexuality and hinting at same-sex desires. In contrast to Picasso’s use of skin tones for his figures, Clottey, like in many of his drawings, applies primary colours—an artistic choice which might be connected to Clottey’s experience of first feeling his colour in Europe, stating that ‘In Ghana, we don’t talk about colour. We don’t care. When I went to Austria for the first time, I actually started looking at myself because people were treating me very differently.’ Building on Western art history, Clottey thus questions hegemonial representations of gender and race, highlighting the mobility of thoughts and ideas through space and time.

In his lifetime, the Nigerian writer Chinua Achebe proclaimed the need for a global ‘balance of stories,’ encouraging every people to tell their own story as a means to reclaim power and avoid a victimisation through other people’s accounts, particularly in the light of a westernised one-sided view of Africa. Serge Attukwei Clottey’s multi-layered and locally rooted artistic practice can be read as a step towards such a sensitive balance of stories within the art world.

Ausdrucksstarke Farben, große Formate, abstrakte Formen und die Auseinandersetzung mit den jüngsten Krisen der globalisierten Welt kennzeichnen die künstlerische Praxis von Serge Attukwei Clottey. Seine zweite Einzelausstellung in Berlin zeigt Zeichnungen und Wandarbeiten, die sich auf existenzielle soziale, politische und ökologische Herausforderungen konzentrieren, welche sich auf lokaler Ebene in Accra abspielen und gleichzeitig untrennbar mit globaler Migration und grenzübergreifendem Handel verbunden sind.


Clottey ist einer von vielen zeitgenössischen Künstlern, die aus der Peripherie des Kunstzentrums kommen und international arbeiten und ausstellen. Für das Verständnis seiner künstlerischen Praxis ist die folgende Aussage von Okwui Enwezor daher von zentraler Bedeutung: „Ich halte es für wichtig, dass wir an Dingen festhalten, die spezifisch für die Subjektivität des Künstlers und für Orte der Praxis sind, die nicht einfach durch den Idealismus einer globalen Kunstszene ohne Grenzen ausgelöscht werden können“. Clottey verwendet gelbe Plastikgallonen – in Ghana auch als ‚Kufuor-Gallonen‘ bekannt, benannt nach dem ehemaligen Präsidenten John Agyekum Kufuor, der während einer extremen Dürre zu Beginn der 2000er Jahre Wasser in diesen Behältern verteilen ließ – als sein künstlerisches Medium. Er ist nicht der einzige Künstler, der mit gefundenem Material arbeitet, welches potenziell zur Umweltverschmutzung beiträgt und mit Wasserknappheit in Verbindung gebracht wird. Der bekannte ghanaische Künstler El Anatsui verwendet gepresste Flaschenverschlüsse für seine großformatigen Installationen. Obwohl sich beide Praktiken mit unterschiedlichen Themen befassen, bekräftigen sie den Status von Plastik als relevantes künstlerisches Medium, das – wie in allen anderen Bereichen des menschlichen Lebens auch – langfristig Einzug hält. Die durchdacht arrangierten Wandinstallationen aus Plastikstücken und Kupferdraht provozieren einerseits Reflexionen über Konsumgewohnheiten, laden jedoch andererseits zu einer Untersuchung visueller Details der Assemblagen ein, die durch einzeln verteilte Aufkleber und Gemälde auf ihren Ursprung verweisen. Durch den verlängerten Lebenszyklus seiner objets trouvés werden Clotteys Kunstwerke zu kulturellen Archiven, die Griselda Pollocks Beobachtung folgen: „Archive sind wichtig. Was darin enthalten ist, formt für immer das, was wir zu sein glauben und damit das, was wir werden könnten“.

Clotteys Kohlezeichnungen nehmen die Verwendung von afrikanischen Masken in der kolonial geprägten westlichen Kunstpraxis des zwanzigsten Jahrhunderts wieder auf, die durch Pablo Picassos afrikanischer Periode wohl am prominentesten vertreten war, indem sie die traditionelle afrikanische Maske ihrem zeitgenössischen Kontext zuordnen; das geschnitzte Holzobjekt wird durch den Deckel der Plastikbehälter ersetzt. Inspiriert von dem spanischen Maler begann Clottey, großformatige abstrakte Figuren zu zeichnen, die oft vor einem schwarzen, mit groben Strichen gezeichneten Hintergrund erscheinen. Sowohl in seinen Zeichnungen als auch in vielen seiner Performances steht der Mensch im Mittelpunkt und es werden Modi der Geschlechterdarstellung verhandelt. Ähnlich wie in Les Demoiselles d’Avignon zeigt Clottey in Femme vibes (2019) nackte Frauen mit afrikanischen Masken, doch während Picassos Figuren unabhängig voneinander koexistieren, sind Clotteys weibliche Gestalten durch die Berührung von Armen und Körpern miteinander verbunden. Picasso deutet die Brust der Figuren an und stellt einige Gesichter dar, während Clottey üppige Brüste zeichnet und die Köpfe der Figuren hinter gelben Plastikmasken mit demonstrativ betonten roten Lippen verborgen sind, die auf ihre Sexualität verweisen und gleichgeschlechtliche Begierden andeuten. Im Gegensatz zu Picassos Gebrauch von Hauttönen für seine Figuren verwendet Clottey, wie in vielen seiner Zeichnungen, Primärfarben – eine künstlerische Wahl, die mit Clotteys Erfahrungen während seines ersten Aufenthaltes in Europa zusammenhängen könnte: „In Ghana sprechen wir nicht über Farbe. Es ist uns egal. Als ich zum ersten Mal nach Österreich ging, fing ich an, mich selbst zu betrachten, weil die Leute mich sehr anders behandelten.“ Aufbauend auf der westlichen Kunstgeschichte stellt Clottey damit hegemoniale Darstellungen von Geschlecht und Ethnizität in Frage und betont die Mobilität von Gedanken und Ideen durch Raum und Zeit.


Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe propagierte zu Lebzeiten die Notwendigkeit einer globalen ‚balance of stories‘ (Ausgewogenheit der Narrative) und ermutigte jedes Volk, seine eigene Geschichte zu erzählen, um Macht zurückzugewinnen und eine Viktimisierung durch die Berichte anderer Menschen zu vermeiden, insbesondere im Anbetracht einer einseitigen westlichen Sicht von Afrika. Die vielschichtige und lokal verwurzelte künstlerische Praxis von Serge Attukwei Clottey kann als ein Schritt hin zu einer solch sensitive balance (sensiblen Ausgewogenheit) der Geschichten innerhalb der Kunstwelt gelesen werden.