Umut Yasat – 24/11

by João G. Rizek

To contemplate the work of Umut Yasat is to contemplate a paradox, or indeed a few. To begin with, though we see several structures in this exhibition – the artist’s very first solo show –, all of them are part of a single, unique work: Der Stapel, or The Stack (always in singular form), each divided by a number. An ongoing and robust project initiated in 2014 and intended by Yasat (b. 1988) to be kept until the end of his life, Der Stapel is formed, as the artist puts it, with what life gives him, whether they are objects filled with feelings or completely trivial leftovers. What he seeks when he piles them together is an exploration to their inner personality through a radical change of their inner meanings, even an access to their inner beauty – a way to access eternity through what is most transitory. Time is not only what we need to properly absorb the several details in Der Stapel. Time is what they are all about.

But appearances can be deceiving. These awkward assemblage of materials, scattered pieces from ordinary life – such as plastic items, pieces of furniture, cardboard, drawings, maps, wheels, sheets of paper from the artist’s analog and digital mailbox, old electronic systems, and much, much more –, although seemingly incongruent, these hectic structures are, in fact, governed by a very solid idea, one that betrays the first impressions that one may have at first glance. In the midst of all the chaos formed by the clashing of materials one finds a well-designed composition, something established by an artist very acute to his own beliefs and aesthetic principles – in Umut Yasat’s work, the anarchic surface betrays a solid principle. Limited by the artist own height and controlled by a series of calculations conceived to lay them mobile – integrating the base to the structure, mediating it to the rest, thus continuing a tradition established by Brâncuși almost a century ago –, the meticulousness of the construction of Der Stapel, with its clear balance, brings to mind the verse by Stefan George: “Höchste Strenge ist zugleich höchste Freiheit”, highest rigor is at the same time highest freedom.

For an artist as Yasat, accustomed with paradoxes, for someone who knows that art, as life, is full of ambiguities and sharp edges, nothing more natural than having a painter – not a sculptor – as a role model. Roman Opałka (1931 – 2011) inspired Yasat with his series 1965/1-∞, in which the Polish-French artist intended to visualize the continuum of time by counting on canvas, writing it down numbers from one to infinity, throughout his life. A project inevitably destined to fail, it nonetheless proved that however imperfect or chaotic, nonsensical and sometimes violent, life is about the process, not properly the final result, and art rings more powerfully when it acknowledges this, when it strives to organize what cannot be organized, as does Yasat’s Der Stapel. Once again, for an artist accustomed with paradoxes, it probably wouldn’t sound false to call these curious structures self- portraits. Of Umut Yasat and of our time.

Sich kontemplativ in die Arbeit von Umut Yasat zu versenken, bedeutet, sich kontemplativ in ein Paradoxon zu versenken, oder vielmehr in viele verschiedene. Obwohl uns von Anfang an mancherlei Strukturen in dieser Ausstellung begegnen – der allerersten Einzelausstellung des Künstlers – sind sie alle Teil eines einzigen und einzigartigen Schaffens: Der Stapel (immer im Singular), jeder für sich und mit einer eigenen Nummer betitelt. Der Stapel, ein fortschreitendes und beständiges Projekt, das Yasat (geb. 1988) im Jahr 2014 initiierte und welches er bis zu seinem Lebensende fortzuführen sucht, wird, wie der Künstler es ausdrückt, durch das geformt, was das Leben ihm gibt – ob nun von Objekten mit persönlichem Wert oder vollkommen zufälligen Überbleibseln. Was er anstrebt, wenn er diese bündelt, ist die Erkundung ihres inneren Charakters durch eine radikale Umwandlung ihrer inneren Bedeutung, mehr noch: Einen Zugang zu ihrer inneren Schönheit zu erlangen – den Weg zur Ewigkeit durch das, was höchst vergänglich ist. Zeit ist nicht nur das, was wir brauchen, um die einzelnen Details in Der Stapel richtig aufzunehmen. Zeit ist das, was sie bestimmt.

Doch der äußere Anschein kann täuschen. Diese merkwürdige Assemblage von Materialien, verstreuten Teilen des täglichen Lebens wie Plastikobjekten, Möbelstücken, Pappe, Zeichnungen, Karten, Rädern, Papierblättern aus der Post und mit Auszügen aus den E-Mails des Künstlers, alten elektronischen Geräten, und vielem, vielem mehr – obgleich scheinbar inkongruent, werden diese hektischen Strukturen in Wirklichkeit von der soliden Idee getragen, die den ersten Eindruck der Betrachtung trügt. Im Zentrum des Chaos, geformt durch das Kollidieren der Materialien, wird man einer wohldurchdachten Komposition gewahr; etwas, dass durch einen Künstler geschaffen wurde, der sehr ernsthaft zu seinen Überzeugungen und ästhetischen Prinzipien steht. In Umut Yasats Schaffen verrät die anarchische Oberfläche ein solides Prinzip. Durch die eigene Körpergröße des Künstlers begrenzt und durch eine Reihe von Überlegungen durchdacht, um sie mobil zu gestalten – die Basis in die Struktur zu integrieren, sie dem Rest anzupassen und damit eine Tradition fortzusetzen, die von Brâncuși vor fast einem Jahrhundert begründet wurde – erinnert die Akribie der Konstruktion von Der Stapel mit seiner klaren Balance an den Vers von Stefan George: „Höchste Strenge ist zugleich höchste Freiheit“.

Für einen Künstler wie Yasat, der an Paradoxien gewöhnt ist; für jemanden, der weiß, dass Kunst, als Leben, voller Mehrdeutigkeiten und scharfer Kanten ist, ist nichts natürlicher als einen Maler – und keinen Bildhauer – als Vorbild zu haben. Roman Opałka (1931-2011) inspirierte Yasat mit seiner Serie 1965/1-∞, in welcher der polnisch-französische Künstler das Kontinuum der Zeit visualisieren wollte, indem er auf der Leinwand zählte und die Zahlen von eins bis unendlich aufschrieb, sein ganzes Leben lang. Als ein Projekt, das zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war, bewies es dennoch, dass es bei allem, was unvollkommen oder chaotisch, unsinnig und manchmal brutal ist, im Leben um den Prozess geht, nicht um das Endergebnis – und die Kunst fühlt sich mächtiger an, wenn sie dies anerkennt, wenn sie danach strebt, das zu organisieren, was nicht organisiert werden kann, wie Yasats Der Stapel. Noch einmal: Für einen Künstler, der an Paradoxien gewöhnt ist, würde es wahrscheinlich nicht falsch klingen, diese seltsamen Strukturen Selbstporträts zu nennen. Von Umut Yasat und unserer Zeit.